Dubler Süssgebäck

Eine erstaunliche Debatte

Nur wenige Tage nach dem Beginn der «Black Lives Matter»-Demonstrationen, die nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd auch in Basel erneut aufflammen, nimmt die Migros die Süsswaren namens «Mohrenkopf» von Dubler aus dem Sortiment. In den Sozialen Medien entbrennt daraufhin eine erstaunliche bis absurde Debatte über Rassismus.

Das Problem der Namensgebung habe ich wie folgt eingeordnet:

  1. Der Begriff «Mohr» steht verallgemeinernd für Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Verallgemeinerungen sind ein Problem, weil sie meist negative, ungerechtfertigte Zuschreibungen auf vermeintliche Gruppen ermöglichen und fördern. Die glücklicherweise längst verworfene Rassenlehre basiert darauf. Verallgemeinerung ist auch eine Kriterium für Sexismus oder Homophobie.
  2. Das Wort «Mohr» wurde in der Zeit des beginnenden Sklavenhandels für amerikaische Kolonien (ab 1450) ausschliesslich für Menschen mit schwarzer Hautfarbe verwendet. Das Wort ist eindeutig konnotiert mit dem Sklavenhandel.
  3. Dass es sich bei einem mit Schokolade überzogenen Süssgebäck um einen «Mohrenkopf» handeln soll, ist im Bezug auf den Sklavenhandel, bei dem Menschen für einen Geldbetrag pro Kopf verkauft wurden, mehr als problematisch. Der Kauf des Süssgebäcks mit diesem Namen ist eine Referenz zur Sklaverei.
  4. Ein Süssgebäck, das wir kaufen und in das wir genüsslich hineinbeissen, mit dem Kopf von Menschen zu asoziieren, die entrechtet, verkauft, versklavt und teilweise ihr Leben lang aufs Gröbste misshandelt wurden, ist widerlich.
  5. Nicht jeder, der strukturellen Rassismus reproduziert, tut das mit der Absicht, Menschen zu verletzen. Aber er tut es. Rassismus ist nicht zwingend als Hassverbrechen erkennbar. Aber immer sind Hassverbrechen die Folge davon.

Es wäre spannend zu erfahren, inwiefern sich die Veränderung der Sprache bezüglich Begriffen, die mit positiven Erlebnissen verknüpft sind, sich auf die Verlustangst bezüglich eben dieser Erlebnisse auswirkt. Oder anders: Erlösten wir beispielsweise die Bezeichnung fürs Zähneputzen von einer Kolonialreferenz, gäbe es einen ähnlichen Aufstand?

Mitmachen: Sind Dir Studien oder Publikationen zu dem Thema bekannt?

Nachtrag am 24.06.2020: Schweizer Radio und Fernsehen widment dem Thema einen einstündigen «Focus» zum Thema. Hannes Hug im Gespräch mit dem Historiker Bernhard Schär:

Radio: SRF, Focus, 24.06.2020
Bernhard Schär, Historiker: «Die Schweiz war schon immer global»
Schweizer Radio und Fernsehen

Foto zur Notiz: Telebasel/Keystone