Anni Lanz

Unsere Flüchtlingspolitik ist ein Irrsinn

Was würden Sie tun, wenn einer ihrer Bekannten mitten im Winter an der Schweizer Grenze festsitzt und am Erfrieren ist? Sie würden ins Auto steigen und ihn abholen, oder nicht?

Seit Jahren besucht Anni Lanz Woche für Woche die Gefangenen im Basler Ausschaffungsgefängnis Bässlergut. Sie bringt Bücher, spricht mit den Gefangenen über deren Leben und die ungewisse Zukunft. Sie begleitet einige länger, kennt familiäre Verbindungen, sieht Zusammenhänge und hat Einblicke in Lebensgeschichten, die uns Ahnungslosen verborgen bleiben.

Als ich meine Tante Anni das letzte Mal sah, kam sie von einem dieser Besuche zurück. Aufgewühlt und voller Sorge. Kaffee trinken ging nicht, sie war zu aufgekratzt. Tee, gut. Wieder machte offenbar die Runde, dass bald einige der Gefangenen ausgeschafft würden. Die Angst der Betroffenen, die in ihrer Heimat oft nicht nur Hab und Gut, sondern auch ihre Familien, Freunde und Bekannten verloren haben, muss unerträglich sein.

Warum sie sich das antut, habe ich mich schon oft gefragt. Dazu meinte sie nur einmal knapp: Sie müsse einfach. Es ist, als würde sie auf sich nehmen, was wir über das Bässlergut uns aus den Augen und aus dem Land schaffen.

Anni war schon immer für Flüchtlinge, Migranten und Sans-Papiers engagiert. Eigenwillig, beharrlich, aber vor allem erfolgreicher, als es manchen lieb war. Sie war unter anderem Generalsekretärin von Solidarité sans frontières und erhielt für ihre Arbeit zahlreiche Preise; sogar die Ehrendoktorwürde der Juristischen Fakultät der Universität Basel.

Kürzlich kam ein neuer Orden dazu, wenn auch ein höchst fragwürdiger: Die Veruteilung von höchster eidgenössischer Instanz. Anni Lanz hatte im Winter 17/18 einen psychisch angeschlagenen Bekannten, der ohne Gepäck und warme Kleider aus dem Bässlergut nach Mailand ausgeschafft wurde, in Domodossola abgeholt und zurück in die Schweiz gefahren. Sie tat, was wir alle tun würden für einen Bekannten. Nach geltendem Gesetz aber ist das nicht legal. Das Bezirksgericht von Brig und jetzt auch das Bundesgericht verurteilte sie wegen Schlepperei.

Der Fall ist beispielhaft für den Irrsinn der europäischen Flüchtlingspolitik – und für die Rolle der Schweiz. Ich hoffe, dass Anni Lanz mit ihren 74 Jahren noch die Kraft findet, den Fall weiter zu ziehen; an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Denn da gehört er hin.

Radio: SRF, News, 07.08.2020
Bundesgericht bestätigt Strafe für Flüchtlingshelferin
Schweizer Radio und Fernsehen

Zeitung: NZZ, Schweiz, 07.08.2020
Bundesgericht bestätigt Strafe für Flüchtlingshelferin Anni Lanz
Neue Zürcher Zeitung

Zeitung: WOZ, 13.12.2018
«Es geht um mehr als die Bestrafung von Anni Lanz»
WOZ – Die Wochenzeitung

Zeitung: WOZ, 19.04.2018
Einfach wie einen Kehrichtsack auf der Strasse deponiert
WOZ – Die Wochenzeitung

Zeitung: Tageswoche, 07.11.2013
«Mein Ideal? Davor habe ich Angst»
Tageswoche

Foto zur Notiz: Keystone, Valentin Flauraud